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Samstag, September 18, 2021
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    „Die Erwartungen an die Politik sind zu hoch“


    Berlin Martin Voss ist in diesen Tagen ein beliebter Gesprächspartner – leider, wie er sagt. Denn die Überschwemmungen in ganz Deutschland haben seine Arbeit in den öffentlichen Fokus gerückt. Als Professor für Sozialwissenschaftliche Katastrophenforschung an der Freien Universität Berlin beschäftigt er sich viel mit Unglücken und wie sie verhindert und verarbeitet werden können.

    Er sieht, dass sich unsere Gesellschaft zu sicher fühlt und statt Risiken entgegenzuwirken lieber Versicherungen gegen sie abschließt.

    Herr Voss, wieso konnte uns ein Ereignis wie die Flutkatastrophe in ihrer Dimension so überwältigen?
    Unserer Gesellschaft heute ist eine ganz andere als die der 1940er oder 50er Jahre nach dem Ende des Krieges, wo in allen Gliedern steckte, dass der Mensch verletzlich ist. Seitdem haben wir uns in ein Sicherheitsempfinden hineinentwickelt. Auch was das Naturgeschehen angeht, haben wir hierzulande eigentlich eine gewisse Berechenbarkeit erreicht, die mit einem hohen Schutzniveau einhergeht.

    …das dachten wir jedenfalls bisher…
    Ja, diese meteorologische Konstellation die auf eine besonders verletzliche Region traf, war ein überraschendes Ereignis, dessen Wahrscheinlichkeit über das eines Jahrhundertereignisses hinaus geht – also so gering ist, dass es im Grunde überraschen muss. Das ist ein extremer Ausreißer aus unserem Erfahrungs- und Erinnerungshorizont.

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    Das heißt, wir müssen unseren Erfahrungshorizont jetzt anpassen?
    Wenn wir denn auf solche seltenen Ereignisse vorbereitet sein wollen, ja. Wir müssen damit rechnen, dass unsere Infrastrukturen, unsere Kommunikationskanäle, dass uns unsere ökonomische Versorgung und Daseinsgrundlage durch verschiedenste Ereignisse brüchig werden. Im Wissen um diese Gefahren müssen wir entscheiden, ob wir sie ignorieren, ihnen rein nach- oder auch vorsorgend begegnen wollen.

    Martin Voss

    Martin Voss forscht als Professor für Sozialwissenschaftliche Katastrophenforschung an der Freien Universität Berlin.

    Was genau meinen Sie?
    Wir haben natürlich die Pandemie, wir hatten die Geflüchtetenkrise, wir hatten die Hochwasser der Vergangenheit in Deutschland. Wir haben aber auch weltweit Ereignisse: eine zunehmende Verunsicherung durch globalen Terrorismus und Cyberattacken, wo noch viel mehr passieren wird, da wage ich mal eine Prognose.

    Auf Cyberattacken sind wir überhaupt nicht vorbereitet – weniger noch als auf die Pandemie, von der wir auch wussten, dass sie kommt. Was solch komplexere Krisen und Katastrophen angeht, brauchen wir jetzt einen Lernprozess.

    Wie kann der aussehen?
    Ich habe da vor meinem inneren Auge ein Forschungszentrum, in dem das Wissen um Risiken und Gefahren einerseits und um vorhandene und um erforderliche Kapazitäten andererseits zusammengeführt und weiterentwickelt wird.

    Das übernehmen bislang Behörden und Verwaltungen und es gibt Forschung zu einzelnen Themen, aber keinen integrierten Ansatz, der die vielen Aspekte solcher Krisen zusammendenkt.

    Was muss die Politik dafür tun?
    Sie muss für die Finanzierung sorgen, sich sonst aber raushalten. Es braucht gebündelte Forschungs- und Beratungskompetenz, die nicht von der Politik selber gestellt werden kann – schon deshalb nicht, weil das neutral bleiben muss. Wir brauchen eine wirklich objektive Instanz und die fehlt uns völlig. Das ist eine Schwachstelle sondergleichen.

    Sind denn die Erwartungen der Bevölkerung an die Politik zu hoch?
    Ja, die Erwartungen sind zu hoch aber die Politik tut auch nichts dafür, deutlich zu machen, wo die Grenzen ihrer Kompetenzen liegen. Behörden, Verwaltung und die Politiker selbst treten so auf, als hätten sie die Expertise eigentlich schon. Das befeuert diese Erwartungshaltung der Bevölkerung.

    Die dann Fragen, warum sie nicht geschützt wurden.
    Genau, die Bürgerinnen und Bürger fragen dann warum habt ihr denn nicht vorher darauf hingewiesen? Das ist ein Ping-Pong Spiel und ich glaube es geht nicht darum, den Ball dann an die Individuen zu spielen. Wir haben dazwischen etwas, das sind intermediäre Akteure, zivilgesellschaftliche Organisationen, denen sollte im Rahmen eines solchen Zentrums eine größere Rolle zukommen.

    Müssen wir denn mehr Vorsorge betreiben?
    Die Debatte darüber müssen wir prägnanter und transparenter führen, damit auch wirklich alle mitgenommen werden. Das ist doch durchaus ein Anspruch in einer liberal-demokratischen Gesellschaft, dass wir alle mit an Bord haben wollen. Das ist am Ende die Grundlage für eine effiziente Krisenbewältigung.

    Man muss die Menschen zu Wort kommen lassen und diesen Prozess strukturiert gestalten. Dann kann man nachher sagen: Das ist das Geld, was wir dem Bevölkerungs- oder Katastrophenschutz zur Verfügung stellen wollen.

    Können die Bürger sich nicht selbst vorsorgen? Mit Versicherungen zum Beispiel?
    Tatsächlich würde ich sagen: ja. Da, wo eine Versicherung angeboten wird, sollte man das Instrument nutzen, um diese Risiken zu kollektivieren. Gleichzeitig gibt es da aber ein Paradoxon, mit dem wir umzugehen lernen müssen. Denn das hat im Umkehrschluss den Effekt, dass sich keiner mehr so richtig für die Risiken als solche interessiert, denn man ist ja versichert.

    Wir kümmern uns so immer weniger um die Risiken und versichern uns nur entsprechend mehr dagegen. Viele können sich gar nicht mehr vorstellen, dass da etwas sein könnte, was sie nicht durch eine Versicherung schützen können.

    Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn so ein Ereignis dann doch eintritt?
    Das ist eine Art Grunderschütterung des Vertrauens. Wir haben Erwartungen daran, wie sich die Natur aber auch die Gesellschaft, um uns herum zu verhalten hat – dadurch entsteht Sicherheit. Wenn das so brachial erschüttert wird, wie das jetzt hier passiert ist fragt man sich: was habe ich eigentlich? Und wie zerbrechlich ist das?

    Mehr: Hätten sich die Kommunen gegen die Flut wappnen können? Das sagt ein Hochwasserexperte



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